Foto am Maschendraht der Ausstellung von Oksbøl

Zum Kriegsende wurden Millionen Deutsche vom Sturm des Krieges aus ihrer Heimat in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern über die Ostsee – Pillau, Gotenhafen, Kolberg, Swinemünde und Sassnitz – nach Westen getrieben: Mindestens 113.997 Ostpreußen, 37.294 Danziger und 24.307 Pommern sowie 20.920 Menschen anderer Gebiete strandeten lt. der Volkszählung vom 15.08.1946 in Dänemark. Das größte deutsche Flüchtlingslager befand sich für bis zu 35.000 Flüchtlinge in Oksbøl – westlich von Esbjerg, auf Jütland.

Dies war kein Zufall: 1940 war Dänemark von Deutschland besetzt worden. Und: Zunächst wurden in Dänemark ankommende Flüchtlinge in deutschen Militärlagern einquartiert, danach auch in öffentlichen Gebäuden. Am 8. Februar 1945 bekam die Militäreinheit des 1941 eingerichteten Militärlagers und Truppenübungsplatzes Oksbøl – beide befinden sich nur unweit der Tirpitz-Stellung, ein Teilstück des Antlantikwall – den Befehl, Einquartierung und Verpflegung für eine größere Anzahl Flüchtlinge vorzubereiten.

Plan des Flüchtlingslagers in Oksbøl

Am 21. Februar 1945 trafen dann die ersten 2.000 Flüchtlinge mit dem Zug in Oksbøl ein. Bis zur Kapitulation Deutschlands und dem Abzug der Wehrmacht im Mai 1945 wuchs ihre Anzahl auf etwa 10.000 an. Nach der Trennung der Flüchtlinge – in deutsche und nicht-deutsche – blieben schließlich nur noch die Deutschen in Oksbøl zurück. Das durch Stacheldraht gesicherte Lager, welches durch Deutsche selbst verwaltet wurde, unterstand etwa ab 1. Juni 1945 einer dänischen Leitung. Diese veranlasste den Aufbau weiterer 100-Mann-Baracken.

Eine der letzten Baracken des Lagers Oksbøl

Das größte deutsche Flüchtlingslager in Dänemark und die gleichzeitig fünfgrößte Stadt des Landes erstreckte sich vom eigentlich Ort Oksbøl westlich in Richtung Nordsee. Eine Hauptstraße führte mittig in Ost-West-Richtung durch das Lager. Nördlich von ihr lagen die Nordstraßen 1-4 und südlich die Südstraßen 1-3. Weitere 17 Querstrassen teilten das Lager in größtenteils quadratische Flächen, Blocks die mit Buchstaben von „A“ bis „Z“ versehen waren und über Block-Küchen sowie Block-Baracken verfügten.

Die Infrastruktur der „Kleinstadt“, die immerhin über 3 ½ mal so viele Bewohner wie Pasewalk oder Sassnitz hatte, verfügte neben Straßen auch über ein eigenes Gleisnetz, auf dem mit Loren um 12 Uhr mittags 21 Block-Küchen versorgt wurden, die zwischen 1.500 und 2.000 Einwohner bedienen konnten.

Zum Lager gehörten neben einem Wasserwerk, einem Klärwerk und einer Badeanstalt, eine Wäscherei, eine Salzerei (Einsalzen von 100 t Hering / Jahr), eine Räucherei und Werkstätten, die den täglichen Bedarf abdeckten…

All das ist heute kaum fassbar! Und auch der Umgang mit den Deutschen und dem Flüchtlingslager war von dänischer Seite nicht einfach. Das drückt auch eine Karikatur aus: Erst kam die Wehrmacht, dann die deutschen Flüchtlinge – die „2. Besetzung Dänemarks“. Sorgen hatten die Dänen auch, nachdem die Flüchtlinge nicht nach Pommern, West- und Ostpreußen zurückkehren konnten und auch Schleswig-Holstein Millionen von Flüchtlinge aufgenommen hatte, dass die in Dänemark gestrandeten Deutschen die Minderheit in Nordschleswig verstärken könnten.

Doch alles kam anders: Ab 1946, vor allem aber ab 1947 verlassen die Deutschen Oksbøl. Und so begannen die, die zuvor die Unterbringung für die Flüchtlinge organsiert hatten, nun mit der Vorbereitung der vollständigen Demontage und Abwicklung. Technische Geräte, wie Generatoren oder Pumpen wurden abmontiert und verkauft. Die Bauten abgerissen. Die etwa 450 Baracken, welche verwanzt waren und daher „begast“ wurden, wurden als Sommerhäuser (von 25 bis 85 qm) Jütlands für 5.000 – 20.000 Kronen verkauft.

Zeitsprung: 2022 wurde in Oksbøl, beim Lazarett „A“ „ein“ oder „das“ dänische Fluchtmuseum eröffnet. Es widmet sich in einem der beiden Flügel, die untereinander mit einem viel gelobten Neubau verbunden wurden, dem Thema Flucht im Allgemeinen und im anderen Flügel dem Thema des deutschen Flüchtlingslagers im Speziellen. Doch es gibt auch Kritik, dass dem eigentlichen Ort des Lagers zu wenig Gewichtung zu Teil wird. – Durch einen „Zeittunnel“ soll man in die Vergangenheit des Lagergeländes eintauchen… Schwer vorstellbar!

Weitaus beklemmender ist der Besuch des benachbarten Friedhofs. Hier haben neben 121 deutsche Soldaten und 1675 Flüchtlinge ihre letzte Ruhe gefunden – vor allem Kinder, aber auch Mütter und Großeltern. Wer dazu die Zeilen der selbst im Lager gewesenen Agnes Miegels „O´ Erde Dänemarks“ (1946) liest, dürfte wirklich verstehen…

„…Aus Deiner Hut kann nichts mehr sie vertreiben. Wir werden weiter wandern. Sie nur bleiben. Und gehen, wie ein Kind vertrauend in Dich ein. Und werden Staub von Deinem Staube sein.“

In der Ferne hört man das Donnern der Artillerie. Auf dem noch in Betrieb befindlichen Truppenübungsplatz wird geschossen. Es wird wieder für den Krieg im Osten trainiert…

Grabanlage des Flüchtlingslagers von Oksbøl


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