Die jahrzehntelangen Bemühungen und nachweislichen Erfolge bei der Wiederansiedlung des Baltischen Störs (Acipenser oxyrinchus) in der Ostsee haben einen weiteren Meilenstein erreicht: Zum ersten Mal wurden im Rahmen eines länderübergreifenden Pilotprojektes der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LFA MV) und der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) Störe mit Satellitensendern ausgestattet. Fischerei- und Landwirtschaftsminister Backhaus führte dazu aus:

„Die Satellitentelemetrie eröffnet völlig neue Möglichkeiten, die Wanderwege der besetzten Störe in der Ostsee präzise, kontinuierlich und großräumig zu erfassen. Der größte Vorteil dabei ist, dass Satellitensender nicht an zuvor festgelegte Receiverstationen gebunden sind. Im Gegensatz zur herkömmlichen Akustiktelemetrie lassen sich mit Satellitensendern durch den Einsatz von lichtbasierter Geolokalisation die gesamten Wanderbewegungen über Hunderte bis Tausende Kilometer dokumentieren, auch in offenen Meeresbereichen. Zusätzlich können, durch die Verwendung verschiedener Sensoren, die Temperatur, Beschleunigung und vertikale Bewegung der Störe, über die aufgenommenen Daten, dargestellt werden. Dadurch lassen sich nicht nur bekannte, sondern auch neue oder bislang unerkannte Lebensräume wie Laichplätze, Nahrungsgründe oder Überwinterungsareale identifizieren.“

Durch die Satellitentelemetrie wird die seit 2022 laufende akustische Telemetrieforschung, mit der sich die Bewegungen der Störe in küstennahen Bereichen und Flusssystemen wie Oder und Stettiner Haff nachvollziehen lassen, ergänzt. Über das European Tracking Network (ETN) sind diese Bewegungen sogar länderübergreifend bis nach Dänemark und Schweden dokumentierbar.

Die Wiederansiedlung des Baltischen Störs wird seit den 1990er Jahren intensiv von der LFA MV zusammen mit Partnern in Deutschland und darüber hinaus vorangetrieben. Der als „lebendes Fossil“ geltende Stör, der mehr als 200 Millionen Jahre Evolution überdauert hat, galt in der Ostsee seit den 1970er Jahren als ausgestorben. Basierend auf genetischen Untersuchungen wurde 2002 entschieden, den nordamerikanischen Atlantischen Stör (Acipenser oxyrinchus), eine für den Baltischen Raum ursprüngliche Art, in der Ostsee wiederanzusiedeln. Dazu wurden ab 2005 und 2006 Laichtiere aus Kanada importiert und seit 2010 erfolgreich an der LFA MV vermehrt – Backhaus sagte dazu:

„Die LFA spielt eine zentrale Rolle bei der Wiederansiedlung des Störs im Baltischen Raum. Nicht nur durch die Anwendung der verschiedenen Untersuchungssysteme hat sich besonders das Institut für Fischerei der LFA international als Ansprechpartner etabliert. Das Ziel der Wiederansiedlung des Baltischen Störs als Teil der Biodiversitätsstrategie zeigt schon jetzt erste Erfolge. So wurden seit der ersten Vermehrung in der Forschungsanlage in Born/ Darß 9 Millionen Larven erbrütet. Seit 2006 wurden in Deutschland rund 4,4 Millionen Baltische Störe besetzt. Weiterhin haben Kooperationspartner aus Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, und Estland zwischen 2020 und 2024 mehr rund 5 Millionen Larven ausgesetzt. Das derzeit größte Weibchen in Born, welches zur Reproduktion der Larven beiträgt ist 2,5 Meter lang und 120 Kilo schwer. Ihr Alter wird auf 35 Jahre geschätzt. Darüber hinaus konnten mit verschiedenen Anpassungen bei der Reproduktion die Erfolge deutlich verbessert werden. Allein 2024 wurden insgesamt 2,3 Millionen Störlarven erbrütet. Das ist das Siebenfache gegenüber 2010. Die Befruchtungsrate lag bei 90,6 Prozent, die Schlupfrate bei 78 Prozent. An der Vermehrung nahmen in den vergangenen beiden Jahren erstmals junge Nachwuchslaichtiere teil. Sie wurden aus anderen Haltungsanlagen nach Born überführt und in den Laichtierbestand integriert“

Langfristig soll eine sich selbst erhaltende Population des Baltischen Störs im Ostseeraum etabliert werden. Sie soll perspektivisch auch wieder eine nachhaltige Fischerei ermöglichen. Die Maßnahmen werden von zahlreichen Staaten im Ostseeraum unterstützt. Die LFA MV setzt dabei auch auf die enge Zusammenarbeit mit Fischerei, Verwaltung und Öffentlichkeit. Allerdings zeigen auch Ereignisse, wie das Fischsterben in der Oder 2022, wie empfindlich diese komplexen Vorhaben bleiben.


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