Der Film „Shorashim“ von Kinga Konieczny und Paweł Sroka sorgte bei mehreren Aufführungen in den vergangenen Wochen für große Aufmerksamkeit in und um Stettin. Er widmet sich mit dem Untertitel „Max und Rosa – Deportation der Stettiner Juden. Rückehr der Erinnerung.“ dem jüdischen Leben in der Odermetropole.

Schlaglichtartig wird dabei die Geschichte von Peter Nelke und seiner Familie erzählt. Diese zählte zu den jüdischen Einwohnern Stettins, die im Februar 1940 zu den ersten gehörten, die in das Gebiet des ehemaligen Generalgouvernements deportiert wurden. Doch wie kann man das Andenken an die Großeltern erhalten? In vielen Städten werden sogenannte „Stolpersteine“ vor Häusern verlegt, in denen Juden bis zur Deportation lebten. Im Gegensatz zu Berlin, Dresden oder Breslau ist dies jedoch in Stettin bislang nicht möglich gewesen (wir berichteten)…

Die Geschichte jüdischen Lebens in Stettin reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück. Waren Juden bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts den christlichen Bürgern noch gleichgestellt, so änderte sich dies in der Zeit der Pest (1348/1349), sie wurden vertrieben. Dennoch ließen sie sich auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wieder in Stettin nieder: Für das Jahr 1690 besaß beispielsweise ein Jude Wohnrecht in der Stadt. Andere durften sich allerdings nur zeitweise, also am Tage mit einem Passierschein, in Stettin aufhalten. Im 18. Jahrhundert sind drei Juden in den Stadtbüchern verzeichnet gewesen.

Eine wesentliche Änderung der Situation entstand mit dem im Jahre 1812 erlassenen „Preußischen Judenedikt“. Dieses ermöglichte nach dem bereits durch Friedrich II. erlassene „Revidierte General-Privileg“ in Preußen ansässigen Einwohnern jüdischen Glaubens die Möglichkeit einen Antrag auf die preußische Staatsbürgerschaft zu stellen. Das Edikt, welches dem Entwurf des Reformers Reichfreiherrn vom und zum Stein (1757-1831) sowie dem Staatsminister von Schrötter (1743-1815) folgte, galt als wesentlicher Schritt zur Gleichstellung der Juden in Preußen. Nach mehreren Änderungen und Ergänzungen wurde es am 23. Juli 1847 durch das „Gesetz über die Verhältnisse der Juden“ abgelöst. Dieses wiederum ermöglichte den Aufbau einer dezentralen Verwaltung des jüdischen Gemeinwesens und gewährte Gemeinden die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Im Zuge dieser verbesserten Rahmenbedingungen zogen wieder verstärkt Juden nach Stettin. Wurde zunächst 1816 eine „Jüdische Kirchengemeinde“ gegründet, so benannte sich diese 1840 in „Israelische Gemeinde“ um. Auch wurde 1834/1835 bereits eine erste hölzerne Synagoge an der Grünen Schanze (nahe dem „Roten Rathaus“) errichtet und die erste allgemeinbildende Religionsschule in Vorpommern eröffnet. Das alte Bethaus wurde schon bald zu klein für die wachsende jüdische Gemeinde, so dass der Neubau einer Synagoge zwischen 1873 und 1875 nach den Entwürfen der Berliner Architekten Hermann Ende (1829-1907) und Wilhelm Böckmann (1832-1902) erfolgte. Mit etwa 900 Plätzen für Männer und 750 Plätzen für Frauen galt das Haus als größter pommerschen Synagogenbau. Die Einweihung erfolgte 1875 in Anwesenheit der Stettiner Honorationen und Vertretern der evangelischen Kirche.

Zum jüdischen Leben zählte neben Synagoge und Religionsschule aber auch noch ein Waisenhaus und ein Altersheim. Interessant ist sicher heute, dass es bis in die 1890er Jahre zahlreiche Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Gemeinde gab. Durch die Auseinandersetzung zwischen den liberalen und orthodoxen Gemeindemitliedern kam es zur Abspaltung Letzterer. Doch obgleich sie über einen eigenen Rabbiner und eine eigene Schule verfügten, blieben sie Teil der Gemeinde.

Obwohl die Entwicklung durchaus positiv war, sah sich die jüdische Gemeinde immer wieder antijüdischen Kampagnen ausgesetzt. Diese fanden bereits im August 1881 ihren Höhepunkt. Konnten die progromartigen Unruhen zu jener Zeit noch durch massiven Polizei- und Militäreinsatz unterbunden werden, so gab es mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 keinen Schutz mehr. Jüdische Geschäftsleute wurden verhaftet und waren Repressalien ausgeliefert. Als zwei Jahre später die Nürnberger Gesetze – das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der Deutschen Ehre“ sowie das „Reichsbürgergesetz“ – verabschiedet wurden, gab es Demonstrationen und Verunstaltungen gegen jüdisch geführter Geschäfte.

Ab 1936 war jüdischen Kindern auch der Besuch öffentlicher Schulen untersagt, weshalb es in Stettin zur Einrichtung jüdischer Volksschulen kam. Zwei Jahre darauf wurden Juden aus dem Burgenland aufgenommen und kurze Zeit darauf hat man sie – wie die Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft – abgeschoben. Dann kam es wie in ganz Deutschland zu den Novemberprogromen, bei denen in Stettin am 10.11.1938 um 4 Uhr früh die Synagoge in Flammen aufging. Der Brand konnte erst gegen Mittag gelöscht werden, die verbliebenen Mauern wurden noch im gleichen Monat gesprengt und bis 1940 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen.

Zahlreiche jüdische Gemeindemitglieder emmigrierten 1939 nach Shanghai. In Stettin verbliebene Juden mussten Mitte Februar 1940 Stettin und das Reichsgebiet – bis auf Alte und Kinder – verlassen. Neben den Stettinern wurden auch Juden aus Vor- und Hinterpommern deportiert…

Stettin blieb auch in der Folgezeit Teil vieler jüdischer Biografien: So gründeten polnische Juden in Zabelsdorf nach Kriegsende eine Gemeinde. Stettin wurde nun für viele Juden zum Tor für die Emigration nach Nordamerika und Palästina – es sollen über 30.000 jüdische Auswanderer gewesen sein.

Auch heute gibt es noch jüdisches Leben in Stettin. Dieses ist aber mit der Zeit der Vor- und Nachkriegsjahre nicht vergleichbar. Der eingangs genannte Film ist ein Schritt zur Aufarbeitung des schwierigen Erbes, welches sich dies- und jenseits der Oder mit der Geschichte jüdischen Lebens verbindet. Aber vielleicht ist es ja schon bald möglich auch in der ehemals Preußischen Straße an Max und Rosa Nelke zu erinnern…


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